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Der Doktor, der seit zwanzig Jahren im Haus des Bosses Antonio Barracano, Protagonist von Il Sindaco del Rione Sanità, lebt und arbeitet, hat inzwischen nur noch den Wunsch nach New York auszuwandern. Auch die Migrantenfamilie des jungen Protagonisten von Bangla will so bald wie möglich von Rom weiter nach London ziehen, um dort erneut ihr Glück zu versuchen, oder nach Dacca, wenn das Heimweh überwiegt. Benedetta Barzini, die ikonische Protagonistin von La scomparsa di mia madre, hat nach einem Leben im Mittelpunkt der Medien nur noch den Traum, von der Bildfläche zu verschwinden, zu vergessen und vor allem vergessen zu werden. Sogar die kleine französische Bulldogge, die im Mittelpunkt der abenteuerlichen Geschichte von Il colpo del cane steht, ist am Ende glücklich, zu flüchten und sich von dem lächerlichen rosafarbenen Jäckchen ihres Frauchens zu befreien und auf eigene Faust zu leben.
Womöglich ist es kein Zufall, sondern das Klima unserer Zeit, dass alle Filme der Auswahl von Cinema!Italia! 2020 von Unbehagen, Unglück und Unsicherheit erzählen, Gefühle und Gedanken, die anscheinend die Gemüter bewegen und tiefe öffentliche und private Krisen widerspiegeln. Gleichzeitig merken die Protagonisten in fast allen Filmen am Ende, dass es keinen Sinn hat, die Lösung der Probleme anderswo zu suchen, und dass die Antwort darin besteht, diese Probleme mit den zur Verfügung stehenden Mitteln anzugehen. Der Protagonist von Il Sindaco del Rione Sanità macht dies mit einem persönlichen Opfer (und vermeidet so vielleicht ein weiteres Blutbad), die Protagonisten von La Dea Fortuna nehmen in Kauf, sich noch tiefer in ihre Probleme zu verstricken (und retten so vielleicht die neue Familie), der Protagonist von Bangla schließt Frieden mit den strengen Regeln seiner Religion (er kommt so denjenigen entgegen, die andere Gewohnheiten und eine andere Kultur haben als er). Alle leben und handeln in bester Absicht, auch wenn der gute Ausgang ihrer Entscheidungen natürlich nicht garantiert ist.
Il Sindaco del rione Sanità ist eine berühmte Theaterkomödie von Eduardo De Filippo, die Mario Martone wieder aufnimmt und dramaturgisch wirksam an unsere Zeit anpasst. Der Protagonist ist jünger als im Stück (denn die Kriminalität betrifft heute mehr die jüngeren Generationen), die Gewalttätigkeiten dagegen, auf die Antonio Barracano meint einwirken zu können, nicht um Gerechtigkeit zu schaffen, sondern um den “Schaden zu beschränken”, haben sich dagegen nicht verändert. Es scheint wohl eine Utopie zu sein, “ein Drehen im Leerlauf”, wie ihm der Doktor sagt, der ihm seit Jahren zur Seite steht und ihn bis zum letzten Akt begleitet.
Um die offizielle Justiz geht es dagegen in Palazzo di Giustizia von Chiara Bellosi. Im Gerichtssaal läuft ein Prozess um einen Raubüberfall auf eine Tankstelle. Doch während im Hintergrund die üblichen Gerichtsrituale ablaufen (die Anhörung der Zeugen, die Plädoyers der Anwälte, die Ermahnungen des Richters), spielt sich auf dem Flur ein ganz anderes, wahrhaftigeres und vielleicht wichtigeres Stück Leben ab. Dort kreuzen sich die Wege und die Blicke der kleinen Tochter des Opfers und der jugendlichen Tochter des Angeklagten. Es fallen keine Worte zwischen den beiden, sondern nur Distanzierung und vielleicht mögliche Chancen der Begegnung. Der tiefliegende Sinn des Films wird langsam klarer, nicht das Gericht, sondern die Entscheidungen der jüngsten Opfer (der Kinder) werden für Gerechtigkeit sorgen, sollten sie entscheiden, über die Schuld und das Recht der Väter hinauszugehen.

Um Täter und Opfer geht es auch auf eine Art in Il colpo del cane, der überraschenden Komödie von Fulvio Risuleo, der mit unwiderstehlichem jugendlichem Elan Themen angeht, die größer sind, als es auf den ersten Blick scheint. Im Mittelpunkt des Filmes stehen die Betrogenen (die jungen und naiven Protagonistinnen) und der Betrüger (der angebliche Tierarzt, der letztendlich das größte Opfer ist), doch auch das Umfeld ist voller Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten: Jugendarbeitslosigkeit, Geldmangel, Einsamkeit und soziale Unsicherheit. Wer sind also die wahren Schuldigen und wer die Opfer?
Ein weiteres Merkmal der Filmreihe Italia! Cinema! 2020 ist der dokumentarische Blick: auf eine ethnische und kulturelle Gemeinschaft, wie in Bangla, dem Erstlingswerk von Phaim Bhuiyan, eine der schönsten Überraschungen der letzten Jahre in Italien; oder auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit zwischen Mode-Jet-Set und politischem Engagement, wie Benedetta Barzini, die von ihrem Sohn gefilmt und geradezu verfolgt wird in La scomparsa di mia madre.
Phaim, der junge Protagonist von Bangla, lebt in Torpignattara, einem multiethnischen, klassenübergreifenden und multikulturellen Viertel von Rom, in dem jeden Tag die Zukunft schon jetzt live in Szene geht. Phaim erlebt am eigenen Leib die Vorurteile und Schwierigkeiten seiner Situation als italienischer Moslem, doch dank der Liebe findet er die Kraft, zu akzeptieren und akzeptiert zu werden, doch vor allem entscheidet er, dort zu bleiben, wo er ist. Die Zukunft liegt für ihn hier und nicht woanders. Hier zu bleiben ist auch die Anstrengung von Beniamino Barrese, der angesichts des Wunsches seiner Mutter, alle Brücken abzubrechen und wegzugehen, darauf besteht sie auf die einzige Art, die er kennt und beherrscht festzuhalten, und zwar indem er sie filmt. Wie Benedetta Barzini am Ende des Films sagt, liegt die Wahrheit nicht im Objektiv der Kamera (tatsächlich wird es an dem Punkt geschlossen), sondern in der Fähigkeit, sich in die Augen zu schauen und sich endlich zu sehen.
Sich fest in die Augen zu sehen ist auch der Rat, der den Film La Dea Fortuna von Ferzan Özpetek begleitet, der wieder einmal einen bunten und heterogenen Freundeskreis (Patchworkfamilie), die Liebesgeschichte eines Paares, die Liebe und auch den Tod in den Mittelpunkt eines Filmes stellt. Das Neue an La Dea Fortuna ist, dass das von Edoardo Leo und Stefano Accorsi sehr überzeugend dargestellte Paar nicht in der Phase der Leidenschaft, sondern im Stadium der Müdigkeit, der Gewohnheit und der Missverständnisse vorgestellt wird. Die zwei stehen kurz davor sich zu trennen, als der Zufall in Form von den zwei Kindern einer guten Freundin mit schweren gesundheitlichen Problemen an ihre Türe klopft. Wie die Schicksalsgöttin, die antike Statue im archäologischen Museum von Palestrina und Namensgeberin des Films, sagt, erreicht das Schicksal früher oder später jeden im Leben und es liegt an uns, ob wir daraus ein positives oder negatives Ereignis machen. Sich fest in die Augen zu schauen, sich wiederzuerkennen und sich, soweit möglich, zu akzeptieren. Das ist vielleicht die Botschaft von Italia! Cinema! 2020.

Piero Spila