Logo Cinema! Italia! Header

36 Städte, 40 Kinos

 

Kino, das uns angeht

In schwierigen Zeiten (Kriege, Diktaturen, Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen) zeigt sich das Kino oft von seiner besten Seite. Nicht umsonst gelingt es dem Film auch jetzt, in einer Zeit, in der die politische Berichterstattung von Dossiers über Migranten, militarisierte Grenzen, nationalistische Absperrungen und Abschiebungen überschwemmt wird, sich vom „Konformismus der Mehrheit“ loszumachen und neue Wege aufzuzeigen.
„Die einen bauen Mauern, die anderen versuchen sie einzureißen“ sagt die Hauptfigur in Come un gatto in tangenziale an einem bestimmten Punkt und es ist bedeutsam, dass ein solcher Satz in einem leichten, ja federleichten Film ausgesprochen wird, der jedoch gleichzeitig mit Witz auf einen Problematik hinweist. Das ist keine Ausnahme.

Fast alle Filme der Reihe Cinema! Italia! 2018 beschäftigen sich mit Grenzen, Spaltung und Vorurteilen. Das Thema wird natürlich auf verschiedene Weise behandelt und erzählt. Es gibt ethnische Spaltung (Taranta on the Road), moralische und ethische Spaltung (Fortunata), soziale Milieuspaltung (Come un gatto in tangenziale), Spaltung der Generationen (Tutto quello che vuoi), und sogar religiöse Spaltung, in der Art, wie man Gottes Botschaft versteht und umsetzt (L’equilibrio).

Abgesehen von den Urteilen über die einzelnen Filme, eines vereint sie alle und zieht sich wie ein roter Faden durch die Reihe Cinema! Italia! 2018: sie erzählen alle von unserer Zeit, auf humorvolle Art in der Komödie oder anklagend in gesellschaftskritischen Filmen, stets jedoch mit Phantasie und Originalität.
Die Spaltung, die in dem Film der Brüder Manetti Ammore e malavita dargestellt wird –   sicherlich der originellste Film der ganzen Reihe –  besteht zwischen der Welt der organisierten Kriminalität (Don Vincenzo und seine zynische Frau Donna Maria, die beiden „Tiger“, die beiden grausamen Killer Ciro und Rosario) und der Welt derjenigen, die sich täglich bei der Arbeit aufopfern (die jungen Fatima, die sich mit Nachschichten als Krankenschwester über Wasser hält). Es handelt sich um zwei getrennte und unvereinbare Welten, in denen die einzige Schnittstelle eine Jugendliebe ist, aus einer Zeit, als alles noch hätte anders werden können. Zu schön und zu zart um wahr zu sein, aber in den Filmen der Manetti Bros wird alles möglich, auch Tanz- und Gesangsszenen in bester Hollywood Musical Manier, mitten in einer Schießerei oder einem Blutbad. Es wurde der Überraschungserfolg der letzten italienischen Kinosaison bei Publikum.

Auch in  Taranta on the Road geht es um Spaltung, diesmal zwischen denjenigen die aus Afrika nach Italien kommen, um dort ihr Glück zu versuchen und jenen, die in Italien verzweifelt ihren Weg sucht. Amira und Tarek sind zwei Tunesier, die vor der Illusion des „arabischen Frühlings“ geflüchtet sind und überzeugt sind, ihre Rettung zu finden, indem sie einer erfolglosen und frustrierten Musikband aus Apulien folgen. Aus doppelter Schwäche entsteht dabei eine neue Stärke. Ein leichter, jugendlicher Film, der schwierige Themen berührt.
Die Hauptfigur von Come un gatto in tangenziale von Riccardo Milani ist ein Wissenschaftler, der für die EU Analysen und Projekte für das Problem der multiethnischen Integration ausarbeitet. Doch erst durch ein unerwartetes Ereignis (seine Tochter hat eine Beziehung mit einem Jungen der Peripherie, voller Piercings und Tattoos) wird ihm das klar, was keine wissenschaftliche Untersuchung je erklären kann. „Die Italiener haben was gegen die Rumänen, die Chinesen machen alles alleine, die Ägypter verkaufen Obst, wollen aber keine Senegalesen bedienen...“, erklärt ihm eine Frau, die mit dieser Realität täglich konfrontiert ist. Auch hier, in der Praxis, gibt es Welten, die durch Kultur und Bildung getrennt sind, sich aber letztendlich ergänzen, wenn spontane Gefühle und der Wunsch, sich einzubringen, zum Tragen kommen.
Auch in Fortunata von Sergio Castellitto geht es um Stadtteile und Randgebiete, hinzu kommt eine unvergessliche weibliche Figur, die dem Film den Titel verleiht und die von Jasmine Trinca gespielt wird. Die Spaltung besteht zwischen der Realität des Alltags von Fortunata (Geldprobleme, eine gescheiterte Ehe, eine schwierige Tochter) und dem Traum, mit dem sie glaubt, eines Tages ein neues Leben anfangen zu können. Sie ist immer in Eile, arbeitet den ganzen Tag und macht nie eine Pause, nicht einmal, um nachzudenken, wie der Psychologe sagt, der ihr für einen Augenblick eine neue Chance zu geben scheint. Sergio Castellitto, ein Schauspieler, der sich erneut als Regisseur versucht, erzählt die Geschichte von Fortunata, indem er den realistischen Erzählfaden mit einer metaphysischen Dimension und der Metapher der griechischen Tragödie Antigone verknüpft.

Im Mittelpunkt des Films L’equilibrio von Vincenzo Marra stehen zwei Priester, die in einem schwierigen, fast unmöglichen Umfeld arbeiten. Auch sie stehen für eine Spaltung, in diesem Fall im Bereich der Kirche. Auf der einen Seite steht die offizielle Kirche, mit den Messen des Vatikans und den Predigten vom Altar, auf der anderen Seite die Kirche, die sich täglich mit der Realität in heruntergekommenen Stadtteilen, mit Gewalt, Leid und Ungerechtigkeit konfrontieren muss. Don Giuseppe, ein integrer Mann, ist überzeugt ist, dass man in gewissen Situationen keine Kompromisse eingehen darf. Der reifere und erfahrenere Don Antonio, dagegen, ist der Meinung, dass man ein gewisses Maß und Gleichgewicht im Leben braucht. Der Film bezieht keine Stellung, sondern erzählt nüchtern und ohne Zugeständnisse von einer feindseligen Realität, die uns alle, zumindest moralisch, angeht.

Die in Tutto quello che vuoi von Francesco Bruni erzählte Spaltung betrifft dagegen die Generationen. In diesem Film treffen der junge Taugenichts Alessandro und Giorgio, ein alter an Alzheimer leidender Dichter aufeinander. Tag für Tag nähern sich die beiden Welten aneinander an, den Vorwand bietet eine unwahrscheinliche “Schatzsuche” (eine Kriegserinnerung, die Giorgio plötzliche in den Sinn kommt), die sich dann in etwas viel Wertvolleres verwandelt. Bei dem Schatz geht es nicht um Geld oder Schmuck, sondern um den Wert einer Erinnerung, der nicht verloren gehen darf. Es handelt sich auch um eine Aufforderung, die sich auch an unsere Zeit zu richten scheint.
Das Phänomen der Immigration, der Verfall der Randgebiete, Gewalt, wirtschaftliche und sozialen Schwierigkeiten. All diese Themen kommen in den Filmen vor, die uns interessieren und die auch für diese Filmreihe ausgewählt wurden. Die Filme können keine Antworten geben (die es wahrscheinlich gar nicht gibt), dennoch gelingt es ihnen, uns zum Nachdenken und zur Neugier anzuregen – und das ist nicht wenig.

Piero Spila