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Anders sein, um sich besser kennenzulernen

Carmela, die Hauptfigura von Rosa pietra stella von Marcello Sannino ist sehr aktiv, sie schlägt sich durch mit kleinen Tricks und Kompromissen, doch sie ist "keine gute Mutter", zumindest nach Meinung des Jugendamts, das ihr ständig auf den Fersen ist und ihr das Sorgerecht für ihre Tochter entziehen will. Carmela ist eisern und wild entschlossen, sie stellt die gesellschaftliche Andersartigkeit (Elend, Unangepasstheit und Ausgrenzung) dar, die irgendwann mit der "Andersartigkeit" der illegalen Einwanderer ihrer Stadt Neapel zusammenfällt, die unter der ständigen Vorläufigkeit und anderen Risiken leidet.
Die Andersartigkeit von Bruno Salvati (Kim Rossi Stuart), der Hauptfigur von Cosa sarà von Francesco Bruni, wird durch die Krankheit bestimmt, die plötzlich auftritt und ein Stigma sowie eine unüberwindliche Grenze ist, zwischen dem Alltag (Job, Familie, mehr oder weniger geheime Leidenschaften) und seinem Zustand als Patient (Arztbesuche, Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte, Behandlungen).
Anna und Renato, die beiden jungen Protagonisten von L’amore a domicilio von Emiliano Corapi, werden dagegen durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lebensbedingungen vereint, die irgendwann zur Attraktion werden: sie ist eine ehemalige Bankräuberin im Hausarrest, er ein Versicherungsvertreter, ängstlich und pflichttreu, den einmal im Leben das Risiko reizt.
Eine noch eklatantere, fast dramatische Andersartigkeit trennt die Familien, um die es in I predatori, von Pietro Castellitto, Sohn des bekannten Schauspielers und Regisseurs Sergio Castellitto, geht. Der erfolgreiche Debütfilm des jungen Regisseurs wurde mit dem David di Donatello für das beste Erstlingswerk und dem Premio Orizzonti für das beste Drehbuch beim Festival von Venedig ausgezeichnet. Auf der einen Seite steht die Familie Pavone (gutsituiertes Bürgertum, intellektuell, scheinbar offen für den demokratischen Austausch), auf der anderen die Familie Vismara (Waffenhändler, überzeugte Faschisten, mit subversiven Tendenzen). Die zwei Familien trennt eine scheinbar unüberwindbare gesellschaftliche und kulturelle Kluft. Überraschend löst ein kleiner Vorfall (eine berufliche Enttäuschung und daraus resultierende Rachelust) einen Kurzschluss mit (im wahrsten Sinne des Wortes) explosivem Ausgang aus.
Weiterhin gibt es die kreative Andersartigkeit bestimmter Künstler, wie z. B. Antonio Ligabue, um den es in Volevo nascondermi von Giorgio Diritti geht (7 David di Donatello-Preise und Silberner Bär der Berlinale für die tolle schauspielerische Leistung von Elio Germano). Ligabue ist vereinsamt, unbeholfen, hat Kommunikationsschwierigkeiten und lebt am Rande der Gesellschaft, nur dank seiner Phantasie und seiner unbezähmbaren kreativen Gier findet er die Kraft, sich zu behaupten. "Du verdienst es nicht zu leben", sagte ihm sein Grundschullehrer, der seine Andersartigkeit nicht ertrug. Dabei ist es gerade diese Andersartigkeit (eine Mischung aus Unglück und Krankheit), die ihn zum Künstler machen wird. Er malt ständig Löwen, Pferde, Tiger und verwandelt in seinen Bildern die Farben und Formen der Landschaft. Dieser Künstler ist dermaßen anders, dass er eine eigene Kunstrichtung erfindet: die naive Malerei.
Stefania, die alleinerziehende Mutter in Genitori quasi perfetti von Laura Chiossone fühlt sich anders, weil sie meint, ihrer Mutterrolle nicht angemessen zu sein. Sie ist komplexbeladen und tritt immerfort in Fettnäpfchen. Sie wäre gerne wie die anderen energischen und selbstbewussten Mütter. Während des Geburtstagsfests ihres Sohns merkt sie, dass es zwischen ihr und den anderen Eltern kaum Unterschiede gibt: der gleiche Stress, die gleichen Sorgen, die gleichen unvermeidlichen Kompromisse. In Wirklichkeit ist niemand wirklich anders und die Grenzen zwischen den Menschen, den Gesellschaftsschichten und Meinungen sind sehr durchlässig.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass fast alle Filme von Cinema Italia 2021 auf irgendeine Art und Weise die Andersartigkeit oder Vielfalt in den Mittelpunkt stellen (leichte Komödie, Gesellschaftsdrama, Biopic, Doku-Fiktion), um sie dann zu einer Lösung zu führen, die fast immer durch eine mehr oder wenig zufällige Begegnung, eine ausgestreckte Hand, einen plötzlichen Impuls oder die Entscheidung, sein Leben zu verändern, ausgelöst wird. Die Andersartigkeit wird mit der Solidarität verbunden, andernfalls gibt es keinen Ausweg. Der Algerier Tarek (seit 20 Jahren illegaler Einwanderer in Neapel) ist der Einzige, der Carmela hilft (Rosa pietra stella); der Kunstkritiker Mazzacurati bemerkt als einziger die Genialität von Ligabue und ermutigt ihn, sie zu verteidigen (Volevo nascondermi); Bruno Salvati wird von seiner Krankheit geheilt, dank eines Geheimnisses, das sein Vater jahrelang gehütet hat (Cosa sarà); der schüchterne Versicherungsvertreter Renato entdeckt, dass es schön ist, sich gegenüber anderen zu öffnen und für das Glück einen Preis zu zahlen, wovon er auch seinen Vater überzeugen möchte (L’amore a domicilio).
Monatelang waren unsere Städte, unsere Gewohnheiten, unser Alltag völlig anders als früher, gezeichnet von der Vorsicht und der Distanz. Wenn in dieser Zeit etwas Positives geschehen ist, sollten wir es nutzen.
Die Filme von Italia! Cinema! 2021 reagieren alle auf irgendeine Art und Weise auf die besondere Situation, die wir seit einiger Zeit erleben.
Wenn man schwierige Situationen überwindet – und die Pandemie ist eine solche – kommt man verändert und vielleicht besser heraus. Diese Hoffnung auf einen Neuanfang haben wir alle. Es entstehen Pläne für neue Filme, die Filmsets gehen wieder an die Arbeit, die Festivals erwachen wieder zum Leben, die Kinosäle machen die Lichter wieder an und die Zuschauer kommen wieder ins Kino und lassen die traurige Gewohnheit des Streamings hinter sich.
In diesem Geist beginnt auch Cinema Italia 2021, mit der gleichen Begeisterung wie immer und mit dem Wunsch nach einem Kino, das verbindet, zum Nachdenken anregt und uns zu besseren Menschen macht.
Viel Vergnügen!

Piero Spila