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Lob der Unvollkommenheit

In den Filmen der aktuellen Cinema Italia-Tournee gibt es viele familiäre Beziehungen. Eltern und Kinder, Schwestern und Brüder, Großeltern und Enkel, die sich plötzlich mit ihren Unzulänglichkeiten und den unvermeidlichen Unvollkommenheiten auseinandersetzen müssen. Die Schwierigkeiten scheinen zunächst unüberwindbar, finden jedoch dann auf die einfachste (und mühsamste) Weise einen Ausweg: durch Zuhören, Nähe und Verständnis.

Die Protagonistin von Tre ciotole, einem Film nach einem Roman der vor kurzem zu früh verstorbenen Schriftstellerin Michela Murgia, glaubt, ihr Leben allein durch ihre eigene Willenskraft gestalten zu können („einfach weiterradeln“ lautet ihr Motto). Doch dann bricht etwas zusammen, und in einem Moment des Schmerzes und der Verlassenheit entdeckt sie einen höheren Wert, indem sie sich anderen öffnet und wieder den Austausch mit ihrer Familie und ihren Mitmenschen sucht. Tre ciotole ist ein origineller und fesselnder Film, dem es gelingt, ohne Traurigkeit von Düsterkeit und Unvollkommenheit zu erzählen.

Die Hauptfigur in Come ti muovi, sbagli von Gianni Di Gregorio ist ein älterer Herr, der seine Rentenjahre selig genießt: ein gemütliches Zuhause, eine Gruppe treuer Freunde, das Sofa, ein paar gute Bücher. Doch dann taucht aus heiterem Himmel seine Tochter mitten in einer Ehekrise auf, und mit ihr zwei Enkelkinder, um die er sich kümmern muss. Eine Hölle für ihn, der die Annehmlichkeiten seiner Routine aufgeben muss, doch mit einer positiven und unerwarteten Wendung: der Erkenntnis, dass man auch im Alter noch reifen (und sich verbessern) kann. Ein witziger und leichter Coming-of-Age-Film, der ausnahmsweise einmal nicht den Jugendlichen, sondern den Senioren gewidmet ist.

Ebenfalls eine Großmutter und ein Enkel sind die Protagonisten von Gioia mia, dem Debütfilm von Margherita Spampinato. Nico ist ein lebhaftes und intelligentes Kind, neugierig und handysüchtig. Großmutter Gela hingegen lebt in der Vergangenheit und an die Gebote der Religion gebunden. Die beiden sind gezwungen einen Sommer zusammen zu verbringen, eine Zeit, die nie zu vergehen scheint, jedoch eine Reihe von Überraschungen und alten Familiengeheimnissen bereithält. Die Botschaft des Films lautet letztlich, dass Vergangenheit und Gegenwart mit einem unsichtbaren Faden verbunden sind und dass der Dialog zwischen den Generationen, wenn auch schwierig und nie selbstverständlich, dazu dient, uns selbst besser zu begreifen.

Im Mittelpunkt von La vita da grandi von Greta Scarano (eine Schauspielerin bei ihrem Regiedebüt) steht auch eine Familie, in der es eines Perspektivenwechsels bedarf. Der Film beginnt mit einer schwierigen Situation (Irene muss sich um ihren autistischen Bruder Omar kümmern, der von der Welt isoliert zu sein scheint), und endet mit einer glücklich wiedergefundenen Geschwisterbeziehung. Omar hat den geheimen Traum, ein erfolgreicher Rapper zu werden, doch um ihn zu verwirklichen, muss man ihn in Freiheit gedeihen lassen. Mit komödiantischen und unterhaltsamen Tönen behandelt der Film Behinderung und Inklusion und geht so weit, Lösungen für die Themen aufzuzeigen.

In Il bene comune von Rocco Papaleo gibt es zwar keine Familien, aber den Wunsch, sie aufzubauen (die „erweiterten Familien“, die Basisgemeinschaften, die Arbeits- und Begegnungsgruppen), indem Misserfolge und verpasste Gelegenheiten in Momente des Wachstums und der Solidarität verwandelt werden. Biagio, der Protagonist des Films, ist ein ehemaliger Soldat, der nach einem „Unfall“ seine Karriere aufgeben musste und sich als Reiseleiter neu erfunden hat; an seiner Seite stehen eine erfolglose Schauspielerin, die einen Theaterworkshop in einem Gefängnis leitet, und vier Insassinnen, die auf ihre Weise nach einer möglichen Selbstbehauptung suchen. Die Stärke des Films liegt darin, eine der schönsten Gegenden Italiens zu zeigen, das Pollino-Tal in Kalabrien. Außerdem ist da die Geschichte, die Begegnung zwischen scheinbar unvereinbaren Charakteren, die sich schließlich in der Freude am Zusammenleben wiederfinden. Rocco Papaleo inszeniert einen Film, der durch seine Drehorte und die rasante Abfolge der Situationen besticht, im Rhythmus von Jazz und Volksliedern.

Abgerundet wird das Programm von Cinema Italia durch eine Hommage an Luchino Visconti, einen der großen Meister des italienischen Kinos, fünfzig Jahre nach dessen Tod. Auf dem Programm steht Gruppo di famiglia in un interno/Gewalt und Leidenschaft, einer seiner letzten Filme, in dem einige der wiederkehrenden Themen seines Werks zu finden sind: der Kult des Schönen, die Vergänglichkeit, die Neugier und die Aufmerksamkeit für das bevorstehende Neue. Selbst nach fünfzig Jahren noch ein zeitgenössischer Film.

Piero Spila