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Die Mikrogeschichten der Welt

“Scialla!”, der Titel eines der Filme im diesjährigen Programm, bedeutet in der italienischen Jugendsprache so viel wie „Entspann dich!“, „Bleib locker!“. Fast schon eine Aufforderung zum Optimismus, und das in den Zeiten einer Krise, die nicht nur die Wirtschaft betrifft. Es ist eine Aufforderung, der man nachkommen sollte, ganz allgemein, aber insbesondere auch, was den italienischen Film betrifft. Denn trotz einiger Rückschläge und Schwierigkeiten (Rückgang der Produktionen und Zuschauerzahlen pro Jahr) vermittelt er, oft unerwartet, eine große Lebendigkeit.

Der Gewinner der letzten Berlinale war Cesare deve morire von Paolo und Vittorio Taviani, in dem einige schauspielernde Häftlinge ein großes Shakespeare-Stück, voller Liebe, Verrat und Rache, auf die Bühne bringen. Auf dem Festival von Cannes gewann Reality von Matteo Garrone, ein Film, der vor dem Hintergrund einer billigen Unterhaltungssendung den kulturellen Verfall einer ganzen (nicht nur italienischen) Generation anprangert. Ein bedeutendes Ergebnis, denn die ausgezeichneten Regisseure sind sowohl Altmeister wie Paolo und Vittorio Taviani (81 und 84 Jahre), als auch ein junges Gesicht des neuen italienischen Kinos (Matteo Garrone, 43 Jahre). Sie sind nur die sogenannte „Spitze des Eisbergs“, schrieb ein Journalist, und das heißt, dass der Eisberg wirklich existiert. Unterhalb der Wasseroberfläche gibt es die Welt der Autoren, Filme, Geschichten und jede Menge Erfindungsgeist. Diese Welt sollte hervorgehoben, bekannter gemacht und gewürdigt werden. Dies ist die Aufgabe der Filmkritik, der Medien und auch Initiativen wie dieser, die zwar in Größe und Mitteln beschränkt ist, aber mit viel Engagement Filme und Regisseure auswählt, welche die Aufmerksamkeit und Neugier nicht nur des italienischen Publikums verdienen.

Mit diesem Ziel präsentiert Cinema! Italia! auch 2012 wieder eine bunte Filmauswahl. Sie umfasst Debutfilme (gleich drei Stück!), Arbeiten erfahrener Regisseure und das neue Werk eines großen Altmeisters des italienischen Kinos (Giuliano Montaldo). Wie immer sind es Filme unterschiedlicher Genres und Stile (von der leichten Komödie über das sozialkritische Kino und Road Movie bis hin zum sehr persönlichen Autorenfilm), niemals banal, alle vereint in ihrem hohen Qualitätsanspruch.

Corpo celeste von Alice Rohrwacher wurde einstimmig als das schönste Kinodebüt der letzten Jahre gefeiert. Es ist ein Film über den kulturellen Zusammenprall, welchen die Protagonistin, ein junges Mädchen, erlebt, als sie aus der Schweiz an ihren Geburtsort nach Süditalien zurückkehrt und dort den Katechismus-Unterricht besucht. Sie trifft auf eine für sie unverständliche und manchmal extrem gegensätzlich wirkende Welt, in der sie sich wie eine Art Außerirdische bewegt. Alice Rohrwachers Blick ist kühl und unerbittlich (manchmal erinnert er Michael Haneke), während sie eine Geschichte erzählt, in der die Religion sinnentleert erscheint und in der auch die natürlichsten Gefühle (zum Beispiel die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter) von Scheinheiligkeit und Vorurteilen bestimmt zu sein scheinen. Es ist das Gegenteil einer klassischen Geschichte über das Erwachsenwerden, das Erstlingswerk einer jungen Regisseurin, der man schon heute eine vielversprechende Zukunft im italienischen Film voraussagen kann.

Basilicata Coast to Coast wiederum ist das mitreißende und lebendige Regiedebüt Rocco Papaleos, eines in Italien ausgesprochen beliebten Komikers. Road Movie und Schelmenstück gleichermaßen ist das Abenteuer von vier Hobbymusikern, die den Entschluss fassen, die Basilicata – eine der entlegensten Regionen Italiens – zu Fuß zu durchqueren, um an einem Musikfestival teilzunehmen. Ein Film über die Freundschaft, voller Selbstironie, in dem die Schönheit einer Landschaft voller Ursprünglichkeit und ohne jeglichen touristischen Anspruch dargestellt wird.

Das dritte Regiedebüt ist Scialla! von Francesco Bruni, einem der bekanntesten italienischen Drehbuchautoren (er schrieb die Filme von Paolo Virzì und die beliebte TV-Serie Il commissario Montalbano). Sein Film behandelt die Auseinandersetzung zwischen einem Vater, unmotiviert und seit langem auf der Flucht vor seinem Leben, und seinem Sohn, einem typischen Jugendlichen von heute: ungeduldig, selbstbewusst und zugleich verletzlich. Gemeinsam müssen die beiden jede Menge (scheinbar unüberwindbare) Hindernisse bezwingen, wobei sie einander zum Schluss zu wichtigen Bezugspersonen werden, obwohl das eigentlich ganz und gar nicht in ihrer Absicht lag. Besonders hervorzuheben ist hier die schauspielerische Leistung des Schauspielerduos: Der junge Filippo Scicchitano und Fabrizio Bentivoglio (der eine Art italienischen Lebowski verkörpert, die bekannte Figur der Gebrüder Coen aus The Big Lebowski).

La nostra vita von Daniele Luchetti ist der Film im Programm, der am eindringlichsten die politisch und sozial schwierige Phase beschreibt, die Italien in dieser Zeit durchlebt. Er zeigt die moderne Arbeitswelt (mit all ihren Unsicherheiten und Ungerechtigkeiten) und einen jungen Bauunternehmer, der unvermittelt zum Witwer wird und drei kleine Kinder allein aufziehen muss. Um sich irgendwie eine Zukunftsperspektive zu schaffen, verhärtet er, akzeptiert bei der Arbeit jedweden Kompromiss und macht sich dabei sogar strafbar. Ein emotionaler Film mit viel Tiefgang, in dem auch die Motivation der negativ gezeichneten Figuren nachvollziehbar ist und in dem die „Guten“ gezwungen sind, ihr eigenes Gewissen zu betrügen. Herausragend in diesem Film ist die darstellerische Leistung Elio Germanos, der mit Sicherheit zu den besten italienischen Schauspielern dieser Tage zu zählen ist und der die großen Vorbilder der Vergangenheit (wie Gian Maria Volonté) lebendig werden lässt.

Auch L’industriale di Giuliano Montaldo setzt sich mit der Arbeitswelt auseinander. Ein harter und unkonventioneller Film, der den großen aktuellen Problemen ins Gesicht sieht. Er erzählt die Geschichte von Nicola, einem von Krediten und Banken in die Enge getriebenen Fabrikbesitzer, in den Zeiten der Wirtschaftskrise, die Italien und einen Großteil Europas erfasst hat. Und schon schwappt die Krise auch in den privaten Bereich über, wird zur Existenzkrise, die Familien- und Arbeitsverhältnisse ebenso wie Gefühle und moralische Werte angreift. Ein Film von einem Regisseur, der sich offen auf das Kino Francesco Rosis bezieht, ein Film mit sozialkritischem Anspruch, der keine wirtschaftliche Analyse anstrebt, sondern von den vielen zerstörten Existenzen unserer Zeit berichtet, die wir früher oder später zur Kenntnis nehmen müssen. Der alarmierendste Aspekt des Films ist, dass die Finanzwelt und die Industrie eines kranken Landes häufig auch seine Einwohner krank machen, krank und unglücklich. Eine schöne Schauspielleistung eines weiteren großen italienischen Darstellers: Pierfrancesco Favino.

Il mio domani von Marina Spada, eine offene Hommage an den großen Michelangelo Antonioni, verknüpft die privat-menschliche und berufliche Situation einer Mailänder Managerin, einer gefühlsarmen und unglücklichen Frau. Gleichzeitig thematisiert der Film die im italienischen Kino häufig kaum beachtete Welt der multinationalen Konzerne. Die große Qualität dieser Regiearbeit zeigt sich in der erschütternden Ausleuchtung der Protagonistin, in den raffinierten und klar gezeichneten Atmosphären und in ihrer Darstellung eines existenziellen Problems, das letztlich jegliches Handeln und jedes Gefühl gefährdet.
Das ist das Programm: Es reicht von Einzelschicksalen zu kollektiven Geschichten, von der Komödie zu den Dramen unserer Zeit, von individuellen Konzepten der Regisseure zu traditionelleren Inszenierungen.

Das Festival Cinema! Italia! 2012 verbindet, wie immer, Mikrogeschichten mit Makrogeschichten. Das ist das Kino, das uns bei allen Unterschieden in Motivation und gewählten Ausdrucksmitteln am besten gefällt. Ein Kino ohne Moralismus, aber auch ohne Nachsicht, manchmal ironisch, manchmal verzweifelt, niemals gleichgültig.

Piero Spila