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Ein Kino, das nicht aufgibt

“Ich heiße Matteo und ich bin der neue soziale Prototyp.” Mit diesem Gag präsentiert sich der junge Protagonist aus Generazione mille euro und spielt dabei auf das Modell der befristeten Arbeitsverträge und Minijobs an, das sich mittlerweile überall etabliert hat. Matteo ist ein “Angestellter mit befristetem Vertrag”, der im Grunde genügend Potential für eine große Karriere, zumindest aber für eine gesicherte Existenz hätte. Leider ist er im falschen Jahrzehnt geboren und lebt nun in einer Gegenwart, in der sich die Errungenschaften des Sozialstaates der letzten fünfzig Jahre quasi in nichts aufgelöst haben und die Kinder ärmer sein werden als ihre Eltern.

Generazione mille euro von Massimo Venier thematisiert im heiteren Ton der Komödie die harsche Realität unserer Zeit – der Film könnte programmatisch für dieses Festival stehen, und auch für eine Kinokultur, die von der allgemeinen Wirtschaftskrise schmerzhaft getroffen wird. Dabei spürt das Kino Missstände und Schattenseiten unserer Gesellschaft auf und erzählt Geschichten über Menschen, ganz unterschiedlichen Alters und Schicksals, für die ein Aufgeben nicht in Frage kommt. Diese Fokussierung aufs Soziale und aktuelle Themen unserer Zeit kennzeichnet alle Filme der diesjährigen Festivaltournee. Auch wenn sie von einer mehr oder weniger nahen Vergangenheit erzählen (wie Cosmonauta,L’uomo nero oder Fortapàsc), richten sie ihren Blick im Grunde doch auf die Gegenwart, erzählen von Desillusionierung und Unrecht, aber auch von Solidarität und Formen des Respekts, die eine Gesellschaft erst würdig und lebenswert machen.

Apropos Vergangenheit und Gegenwart: Cosmonauta, Susanna Nicchiarellis Debütfilm, ein echter Überraschungserfolg, spielt in den frühen sechziger Jahren (als die USA und UdSSR um die Eroberung des Weltraums konkurrierten), vor allem aber erzählt er die Geschichte vom Heranwachsen junger Menschen, ein Thema, das wir alle kennen. Die Protagonisten des Films – ein Geschwisterpaar, Halbwaisen, ihr Vater war Kommunist – sind der festen Überzeugung, dass die Prinzipien der Oktoberrevolution die Welt (nicht zu vergessen das Weltall) beherrschen und für Frieden und Wohlstand sorgen werden. Doch dem ist nicht so, und schon bald kommt die Zeit der Desillusionierung und Bewährungsproben. Die junge Luciana lernt, keinen falschen Illusionen nachzujagen, sondern ihre Probleme mit Optimismus und Lust auf Veränderung anzupacken.

Die Lust auf Widerstand bis zur Selbstaufopferung ist Thema in Fortapàsc von Marco Risi, der eine wahre Geschichte erzählt und die Tradition des gesellschaftskritischen Kinos fortsetzt. Der Titel Fortapàsc (Dialekt für “Fort Apache”) spielt an auf die Westernfilme John Fords, gleichzeitig wird das Bild von der Belagerung Neapels durch die organisierte Kriminalität heraufbeschworen. In diesem heiklen und gefährlichen Ambiente, in dem einzig Gewalt und Omertà zu herrschen scheinen, bewegt sich der junge Journalist Giancarlo Siani, der im Alter von 26 Jahren getötet wurde, weil er versuchen wollte, seine Arbeit als Journalist ernst zu nehmen. Nun, da das Buch und der Film Gomorrha auch das Ausland für das Phänomen der Camorra sensibilisiert hat, gewinnt der Tod dieses Mannes, der damals auf eigene Faust und ohne große Anerkennung agieren und kämpfen musste, nur noch mehr an Bedeutung.

Ein weiteres Thema, das in Italien und vielen europäischen Ländern auf der Tagesordnung steht, ist die Immigration – ein Phänomen, das etliche soziale Probleme mit sich bringt, die durch Vorurteile und die Angst vor dem Fremden nur noch verstärkt werden. Mare nero, das Erstlingswerk von Federico Bondi, nähert sich dem Thema mit großem Feingefühl. Er stellt zwei Frauen gegenüber, die hinsichtlich Alter, sozialer Schicht und Kultur unterschiedlicher nicht sein könnten, gleichzeitig verbindet sie jedoch ausgeprägte weibliche Solidarität und der Wunsch, sich kennen und schätzen zu lernen. Bemerkenswert ist insbesondere die darstellerische Leistung von Ilaria Occhini, einer großen italienischen Schauspielerin, die vor allem auf der Bühne, leider weniger auf der großen Leinwand, zu bewundern ist.

Solidarität und Freundschaft als narrative Elemente finden sich auch in Questione di cuore von Francesca Archibugi, einer der größten italienischen Kassenschlager des letzten Jahres, was nicht zuletzt den zwei so bekannten wie bravourösen Schauspielern Kim Rossi Stuart und Antonio Albanese zu verdanken ist. Der Film erzählt von der kuriosen Freundschaft zweier Männer, die auf der Intensivstation eines Krankenhauses beginnt: Der eine ein Automechaniker, halber Analphabet, aber großherzig und überaus vital, der andere ein neurotischer Intellektueller in der Krise. Angesichts der Krankheit und ihrer Angst vor dem Tod spüren die beiden, wie verletzlich sie sind, und merken, dass sie sich dem Schicksal nur stellen können, wenn sie die sozialen Barrieren durchbrechen und ihre Fähigkeiten und Emotionen gemeinsam einsetzen.

Die Lust, seine eigenen Wurzeln wiederzuentdecken, steht im Mittelpunkt des Films L’uomo nero von Sergio Rubini, einem der renommiertesten Schauspieler Italiens, der sich seit einiger Zeit auch als Regisseur profiliert. L’uomo nero ist vor der malerischen Kulisse Salentos angesiedelt und erzählt von einer Reise in die Welt der Kindheit und damit auch von der Zeit unausweichlicher Generationskonflikte, die das Schicksal eines jeden Menschen prägen. Eine autobiographisch getönte Reise, die den Zuschauer mit seinen eigenen Erfahrungen konfrontiert.

Auch dieses Jahr möchte Cinema Italia einen ausgewählten Überblick über die Situation der italienischen Filmlandschaft geben, wobei uns eine Sparte ganz besonders am Herzen liegt, nämlich das anspruchsvolle Kino, das Autorenkino, das neue und eigene Wege geht und nicht nur auf den Kassenerfolg schielt. Glücklicherweise gibt es auch in der heutigen Krisenzeit noch eine intelligente, kreative Filmkunst und Autoren, die von der Gegenwart und unserem realen Leben erzählen möchten. Ihnen liegt auch daran, unsere Wurzeln nicht aus den Augen zu verlieren. Das war im Grunde schon immer das Ziel eines anspruchsvolleren Kinos, und auch – in kleinerem Rahmen – dieses Festivals.

Piero Spila