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Hand in Hand und der Rest der Welt

Die größte Bedrohung ist für uns oft die Auseinandersetzung mit dem Fremden. Das Fremde erzeugt Beunruhigung, Angst und Unbehagen und führt häufig zu Vorurteilen oder Ablehnung. Es kommt über das Mittelmeer oder vom Balkan, kann aber auch in den trostlosen Vororten der Großstädte, in unserer nächsten Umgebung oder sogar in bestimmten Familien leben. Wie durch einen Zufall gehen alle diesjährigen Filme von Cinema! Italia! das Thema der Andersartigkeit an und behandeln es auf ganz unterschiedliche Weisen: als Drama oder als Komödie, mit grotesken Tönen oder als Flucht in die Fantasie. Wir finden die Andersartigkeit in einem Jugendgefängnis (Fiore), in einem zwanghaft gelebten religiösen Glauben (La ragazza del mondo), in einer körperlichen Beeinträchtigung (Indivisibili) oder in den scheinbar glücklichen Nachbarn, die aber in Wirklichkeit auch mit dem Schmerz zu kämpfen haben (La tenerezza). Fast alle Filme enden mit einem positiven Ausblick, einem Überwinden der physischen, psychischen oder kulturellen Hindernisse, mit der Möglichkeit von Solidarität. Allein kann man nichts schaffen, aber gemeinsam wird alles möglich. Das zeigen sowohl die jungen Protagonisten in La ragazza del mondo, Fiore und Indivisibili, als auch der alte Rechtsanwalt und seine Tochter, denen in La tenerezza die Worte fehlen, um ihre Gefühle auszudrücken, die sich jedoch in der letzten Einstellung des Films endlich zusammensetzen und gemeinsam, Hand in Hand, nach vorn schauen: eine Geste, die das Logo unserer Filmtournee sein könnte. Bei Cinema! Italia! ist es Tradition, dass die Filmauswahl, mit einer Vielzahl an Genres und Regisseuren, eine möglichst getreue Abbildung der aktuellen Situation des italienischen Films liefert. Dieses Mal ist mit Gianni Amelio ein Altmeister dabei, der mit La tenerezza zu seinen kongenialen Themen (die Familie und die Beziehung zur Jugend) zurückfindet. Aber auch Debütregisseure, wie Marco Danieli (La ragazza del mondo), und interessante Autoren der neuesten Generation, wie Edoardo De Angelis (Indivisibili), Claudio Giovannesi (Fiore) und Francesco Amato (Lasciati andare), haben ihre Filme im Programm. Und schließlich beweist das beliebte Komiker-Duo Ficarra und Picone, dessen authentische Maskerade an große Interpreten der Vergangenheit à la Totò heranreicht, mit L’ora legale die Stichhaltigkeit und Originalität eines überraschenden künstlerischen Werdegangs.

Wie bereits hervorgehoben wurde, ist in allen Filmen des Programms ein Thema von besonderer Aktualität: Das Fremde, das neben uns lebt und das wir nicht ignorieren können, sondern dem wir trotz unserer Ängste und aller Widerstände begegnen müssen. La ragazza del mondo spielt in der Welt der Zeugen Jehovas, einer religiöse Gemeinschaft, in der das Diktat der heiligen Schriften jedes Verhalten und jede individuelle Entscheidung bestimmt. Das Leben der jungen Protagonistin Giulia gleicht einem Gefängnis aus starren und unumstößlichen Regeln, und doch reicht die Begegnung mit Libero (einem Jungen aus „der Welt der Anderen“), um dieses Gefängnis zum Einsturz zu bringen. Die Zukunft liegt allein in Giulias Händen, und es ist dieses Zeichen der Hoffnung, das diesen in seiner stilistischen und erzählerischen Kompaktheit überraschenden Film prägt.

Eine in sich isolierte Welt steht auch im Mittelpunkt von Fiore, der in einem Jugendgefängnis spielt. Jungen und Mädchen sind dort zwar zusammen untergebracht, dürfen jedoch keinen Kontakt zueinander haben. Daphne und Josh kommunizieren nur mit Blicken und der Hilfe einiger heimlich ausgetauschter Briefchen. Das ist sehr wenig und doch verleiht es ihnen die Kraft, jedes Hindernis zu überwinden. Ein Film, der es schafft, einem verschlossenen und feindseligen Universum einen Hauch von Leben und Zartheit zu verleihen.

Die Protagonistinnen von Indivisibili sind die siamesischen Zwillinge Daisy und Viola, die seit jeher in ihrer Andersartigkeit aneinander gefesselt sind. Die körperliche Beeinträchtigung der Mädchen, die eine wunderschöne Stimmen haben, wird von ihrer Familie ausgenutzt. Auch hier reicht die Illusion einer Liebe, um alles auf den Kopf zu stellen. Das Problem ist jedoch, dass die Welt, in der die beiden Schwestern Zuflucht finden, noch schlimmer ist als die, aus der sie geflohen sind. Und so besteht für sie die einzige Möglichkeit der Rettung darin, zusammenzubleiben, auch wenn sie inzwischen physisch getrennt und verletzt sind. Ein ebenso harter wie poetischer Film, der eine der großen Überraschungen dieser italienischen Kinosaison war.

Zwei gegensätzliche Welten wiederum stehen im Fokus von Lasciati andare: Auf der einen Seite steht der introvertierte und abweisende Freud‘sche Psychoanalytiker, der mit Geld ebenso geizig ist wie mit Gefühlen. Auf der anderen Seite hingegen treffen wir auf eine quirlige Personal Trainerin mit einem losen Mundwerk und der Veranlagung, in Schwierigkeiten zu geraten. Eine brillante Komödie über den Kampf der Geschlechter und das Spiel mit Missverständnissen. Eine Reihe intelligenter Gags und die herausragende Schauspielleistung von Toni Servillo, der hier erstmals in einer offenkundig komischen Rolle zu genießen ist.

Der Protagonist von La tenerezza ist ein alter Rechtsanwalt, der sein Glück mit kleinen Versicherungsbetrügereien gemacht hat. Er ist Witwer, lebt allein und hat immer schlechte Laune. Doch eines Tages wird sein ruhiges Leben von einer Nachbarsfamilie unterbrochen, die aus Vater, Mutter und zwei Kindern besteht. Zunächst reagiert er ablehnend, entwickelt dann jedoch Sympathie für die Frau, die von einnehmender Natürlichkeit und voller Lebenslust ist. Aber die Realität ist selten so, wie sie oberflächlich zu sein scheint. Amelio dirigiert die Geschichte mit großen Regiemomenten und einer offensichtlichen Sympathie für die Figur des Rechtsanwalts, der von einem unvergesslichen Renato Carpentieri dargestellt wird.

L’ora legale, der sensationelle Erfolg der letzten Kinosaison, ist ein eindeutig komischer Film, der jedoch mit dem Ton des Grotesken und der Kraft der Satire ein zentrales Thema der aktuellen (nicht nur italienischen) Politik bloßstellt: die Korruption und die individuelle Verantwortung des einzelnen Bürgers. In einem süditalienischen Dorf wird ein neuer Bürgermeister gewählt. Sein Programm ist simpel und klar, nämlich wieder für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen und jeden Missbrauch zu verhindern. Nach der Wahl will er sein Programm tatsächlich umsetzen. Innerhalb weniger Tage kommt es zum Aufstand. Die Moral von der Geschichte ist leider offenkundig: Die Bevölkerung bekommt die Politik, die sie verdient, und die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Unehrlichkeit in der Politik ist dünn und durchlässig. Man lacht in diesem Film sehr viel, allerdings mit einem bitteren Nachgeschmack. Auch hier gibt es jedoch einen Hoffnungsschimmer, denn die Jugend findet sich nicht mit dem Vorgefallenen ab und kann vielleicht dafür sorgen, dass es bei den nächsten Wahlen anders laufen wird. Wieder einmal wird der Pessimismus von dem Willen zum Weitermachen gemildert. Es ist nicht gesagt, dass das Glück immer in Reichweite ist. Man muss es suchen, ihm hinterherjagen und manchmal einen hohen Preis dafür bezahlen. Die Protagonistin in La tenerezza trifft es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Das Glück ist kein Ziel, das man erreichen muss, sondern ein Zuhause, in das man zurückkehrt.“ Es ist schön, dass manche Filme uns daran erinnern.

Piero Spila