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Ein Kino Der Gegenwart

Es ist eine schöne Überraschung, dass das italienische Kino scheinbar eine gute Zeit erlebt. Das sagen zumindest die Statistiken. Im ersten Halbjahr 2011 waren unter den zehn in Italien erfolgreichsten Filmen nicht weniger als sechs einheimische Produktionen. Und diese positive Bilanz wird noch von einer noch bedeutsameren Zahl bestätigt: der italienische Film erreicht in seinem Heimatland einen Marktanteil von unglaublichen 51,1% (das ist seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen!), während der Anteil des Hollywood-Kinos auf 39% gesunken ist und alle restlichen Produktionen die verbleibenden 9,2% ausmachen.

Gewiss sollte man hierbei Quantität und Qualität nicht verwechseln. Alle sechs der kassenstärksten Filme sind marktgängige Komödien, die nicht den Anspruch verfolgen, in die Kinogeschichte einzugehen, sondern die in erster Linie das Publikum unterhalten wollen (was natürlich durchaus legitim ist). Es gibt aber auch eine weitere interessante Neuigkeit, denn das italienische Autorenkino erlebt ebenfalls einen Aufschwung. Dies beweisen unter anderem Nanni Morettis Habemus Papam und Alice Rohrwachers Corpo celeste, zwei Filme, die beide auf dem diesjährigen Festival von Cannes liefen. Und natürlich bestätigt auch die Auswahl von Cinema! Italia! diese glückliche Entwicklung!

Dieses Jahr stehen einige Komödien auf dem Programm, die sich ohne Zweifel dem Autorenkino zurechnen lassen und so möglicherweise eine neue Kreativität im italienischen Film ankündigen. Das ist nicht wenig, denn wenn der kommerzielle Erfolg zum einzigen Maßstab wird, besteht immer die Gefahr der Vereinheitlichung, des sinkenden Niveaus oder der Oberflächlichkeit.

Eine lobenswerte Ausnahme hiervon ist zum Beispiel Into Paradiso, das Erstlingswerk von Paola Randi: Eine Komödie, die von einer surrealen, fast schon hyperrealistischen Atmosphäre geprägt wird und die besondere Aufmerksamkeit auf die Verschmelzung verschiedener Einflüsse legt (Animationskino und Spezialeffekte). Ein sehr origineller Film mit Liebe zum Detail, der mit einer gelungenen Besetzung und einem interessanten Soundtrack einen unverwechselbaren Stil entwickelt. Mehr noch, es ist ein komischer Film, der das Thema der Camorra angeht und hierbei aus einer ganz anderen Ecke kommt als Gomorra. Mit Leichtigkeit und Poesie begibt er sich auf die Suche nach einer möglichen humanen Lösung der Probleme durch Solidarität und Aufeinander-Zugehen. Ein arbeitsloser italienischer Wissenschaftler und ein Ex-Cricket-Champion aus Sri Lanka sehen sich dazu gezwungen, eine Wohngemeinschaft zu bilden. Die beiden – in Charakter, Sprache und Gewohnheiten völlig verschieden – müssen sich in einer von sozialer Unsicherheit und Ungerechtigkeit geprägten Situation zurechtfinden, wodurch sie einander verstehen lernen und sich verbrüdern.

Eine weitere dem Autorenkino zuzurechnende Komödie voll origineller, um nicht zu sagen experimenteller Töne ist Happy Family von Gabriele Salvatores. Der Film wartet mit einem wirkungsvollen Mix verschiedener Ausdrucksmittel auf (Theater, Literatur, Bildende Kunst, Videoclips) und setzt provozierend und im alltäglichsten Ambiente überhaupt (der Familie) das Thema der verschiedenen Welten in Szene. Der Welten zwischen dem Autor und seinen Figuren, zwischen der Realität und der ungezügelten und unbeugsamen Fantasie.

Auch Immaturi von Paolo Genovese (ein großer Publikumserfolg und unter den bestbesuchten Filmen der letzten Saison) ist eine lockere Komödie, jedoch kreativ und vielschichtig. Eine Gruppe ehemaliger Freunde, inzwischen alle um die 40, sieht sich gezwungen, nach zwanzig Jahren die Abiturprüfung zu wiederholen, die wegen eines bürokratischen Fehlers für ungültig erklärt wurde. Ein Zufall, der sich zu einer Möglichkeit entwickelt, ein lange vergessen geglaubtes Gefühl der jugendlichen Sehnsucht neu zu entdecken. Aber auch, um mit einem anderen (bewussteren) Blick die Veränderungen innerhalb der italienischen Gesellschaft zu betrachten: die neuen sozialen Strömungen, die sich immer mehr verhärtenden zwischenmenschlichen Beziehungen, die existenzielle Unsicherheit (in der Arbeitswelt ebenso wie in der Familie).

Ein traditionsbewusster Film ist La prima cosa bella von Paolo Virzì, der sich ausdrücklich auf die große Zeit der italienischen Komödie und auf bedeutende Regisseure wie Mario Monicelli, Dino Risi, Ettore Scola und Luigi Comencini bezieht. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine außergewöhnliche Frau, verkörpert von Micaela Ramazzotti und Stefania Sandrelli in verschiedenen Lebensaltern. Eine Mutter, Ehefrau und Geliebte voller Lebensfreude und Herzlichkeit. Eine Träumerin, die frei von Vorurteilen auch die schwierigsten Prüfungen des Lebens mit einem Lächeln besteht und dabei wie durch ein Wunder immer sie selbst bleibt. Beim Wiedersehen mit dieser außergewöhnlichen Mutter, die zwar gealtert ist, aber niemals klein beigegeben hat, sieht sich der Sohn mit den Gespenstern der Vergangenheit konfrontiert und stellt dabei fest, dass er ihnen versöhnt entgegentreten kann.

Es ist jedoch Tradition von Cinema! Italia!, trotz der Begrenztheit des Programms einen möglichst breiten Überblick über die aktuelle italienische Filmlandschaft zu bieten. Deshalb durften natürlich auch solche Filme nicht fehlen, die sich auf direkte Weise mit der Vergangenheit oder mit existenziellen Themen auseinandersetzen.

L’uomo che verrà von Giorgio Diritti ist einer der meistausgezeichneten italienischen Filme der letzten Jahre (Großer Jurypreis des Internationalen Filmfestes Rom, David di Donatello-Preis als bester Film des Jahres) der ebenso einen breiten Zuspruch beim einheimischen Publikum fand. Aus den Augen eines kleinen Mädchens erlebt der Zuschauer eines der blutigsten Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in Italien mit, das Massaker von Marzabotto. In einem fast dokumentarischen Stil stellt sich der Regisseur ohne jede Rhetorik auf die Seite der Schwachen und Unschuldigen, auf die Seite der Kinder, Frauen und Alten. Auf die Brutalität und den Hass des Krieges antwortet der Film mit einer Botschaft der Hoffnung, die beinahe eine Utopie zu sein scheint (das Überleben des in den Tagen der Tragödie geborenen Säuglings).

Lo spazio bianco von Francesca Comencini ist ein sehr persönlicher Film. Voller Intensität schafft er auf berührende Weise das Porträt einer Frau, die eine späte und riskante Schwangerschaft durchlebt. Um die schwierige und teils schmerzliche Situation der Protagonistin herum gesellen sich weiteren Figuren hinzu, die alle mit ihren eigenen Schicksalen und Lebensprüfungen beschäftigt sind. Hierdurch gewinnt die individuelle Erfahrung des Einzelnen eine bestechende Allgemeingültigkeit.

Dies ist seit jeher eines der Hauptmerkmale des anspruchsvollen Kinos und vielleicht auch das verbindende Element aller Filme des diesjährigen Programms von Cinema! Italia!.

Piero Spila