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Positive Signale

vom italienischen Kino

Die diesjährige Tournee „Cinema Italia“ findet in einer Zeit zunehmenden Erfolgs für das italienische Kino statt. Beim Festival von Cannes waren dieses Jahr sogar zwei italienische Filme  im Wettbewerb, Gomorra, unter der Regie von Matteo Garrone, nach dem Roman von Roberto Saviano, und Paolo Sorrentinos Il divo. Beide Filme sind mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden und beweisen, dass es in Italien wieder ein nationales Kino gibt, das sich mit den schwierigen Realitäten unseres Landes auseinandersetzt und sie durch neue Ausdrucksformen und stilistische Mittel in Szene setzen kann. Bemerkenswert an Gomorra und Il divo sind nicht nur die Themen, die sie behandeln, wie das organisierte Verbrechen und die politische Korruption, sondern auch ihre filmischen und künstlerischen Qualitäten, die die politische Bedeutung und die moralische Kraft beider Filme verstärken.

Man darf hinzufügen: der Erfolg dieser zwei Filme in Cannes ist ein klares Zeichen dafür, dass das engagierte Autorenkino weiterhin eine wichtige Rolle spielt, trotz seiner kommerziellen Schwächen und der zahllosen Schwierigkeiten auf dem Markt. In Italien hat sich der Anteil der nationalen Filmproduktion an den Gesamtbesucherzahlen um die 30% stabilisiert, was bedeutet, dass nun auch künstlerische Filme das Interesse des breiten Publikums (zurück)erobert haben. So wie im Fall von Gomorra, der lange an der Spitze der Top Ten-Liste gestanden hat und in den ersten Wochen sogar mehr als 10 Millionen Euro eingespielt hat. Ein hervorragendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass keine großen Stars mitgewirkt haben, der Film als „sperrig und schwierig“ galt und wegen des manchmal unverständlichen Dialekts der Protagonisten sogar mit italienischen Untertiteln in den Kinos anlief. Zusammen mit Gomorra sind weitere Filme zu erwähnen, die ebenso erfolgreich waren, wie Paolo Virzìs Tutta la vita davanti, Daniele Luchettis Mio fratello è figlio unico, Silvio Soldinis Giorni e nuvole, oder Debütfilme wie La ragazza del lago, unter der Regie von Andrea Molaioli, und Giorgio Dirittis Il vento fa il suo giro.

Diese ausgesprochen kreative Zeit des italienischen Kinos bestätigen auch die sieben Filme, die dieses Jahr im Rahmen von „Cinema Italia“ gezeigt werden, wobei neben großen Meistern der älteren Generation wie Ermanno Olmi auch jüngere Autoren präsent sind, und neben Filmen, die komplexe oder dramatische Themen behandeln, auch gelungene Komödien. Egal ob im Mittelpunkt die Aufforderung zum Nachdenken oder die Einladung sich zu amüsieren steht, immer wieder überraschen die Filme mit originellen und vielseitigen Ausdrucksformen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient Ermanno Olmis Cento chiodi, der wahrscheinlich sein letzter Spielfilm sein wird, wie der Regisseur selbst angekündigt hat, und deshalb gleichsam als sein Vermächtnis betrachtet werden kann. Der junge Professor im Zentrum des Films, der sein Leben nur mit Büchern verbracht hat, ist müde und enttäuscht. So zieht er sich aus der „Zivilisation“ zurück und beginnt ein neues Leben in einem einsamen Ort der Poebene. Dort zählen für ihn nur das authentische Verhältnis zu den Menschen und die kleinen Freuden in der Natur. Der Protagonist ist wie ein neuer Christus, der gekommen ist, um das Evangelium den einfachen Menschen zu predigen, die bereit sind, ihm zuzuhören. Es ist eine riskante Utopie, die dazu prädestiniert ist, schon bei ihrem Entstehen vernichtet zu werden, denn die „extreme“ Spiritualität des Protagonisten trifftt auf das Gift, die Schwächen und die Bosheit unserer Gegenwart.

Die multikulturelle Gesellschaft, die Integration der Fremden und die sozialen Konflikte, die den Menschen heute Angst machen, stellen ein dringliches Problem dar, das nicht nur Italien betrifft, sondern die gesamte westliche Welt. Diese komplexe und hochaktuelle Thematik steht im Zentrum von La giusta distanza. Hier erzählt Carlo Mazzacurati melancholisch und intensiv eine Geschichte, die zwischen Film Noir, Charakterstudie und Bildungsroman wechselt und im „tiefen“ Norditalien spielt. In dieser Region zeigt sich zurzeit das Phänomen der Immigration in seinen dramatischsten Aspekten, denn hinter einer scheinbar harmonischen Welt verbergen sich Angst und primitive und unkontrollierbare Schutzinstinkte.

Das gleiche Phänomen der Integration wird in L’orchestra di Piazza Vittorio in seiner positiven Entwicklung dargestellt, einem Film, der in Italien sowie im Ausland ein großer Publikumserfolg gewesen ist. In einem der populärsten Viertel Roms, wo Menschen unterschiedlichster Nationalität zusammen leben, gründet eine bunte Gruppe Musiker, die aus verschiedenen Ländern stammen - Senegal, Brasilien, Rumänien, Marokko - ein Orchester, in dem das Talent jedes Mitgliedes und die Klänge aus der ganzen Welt miteinander verschmelzen. Das Ergebnis ist eine explosive Vitalität und ein kleines soziales Wunder in Namen der Kunst und der Musik.

Bemerkenswert sind auf dem Festival auch einige Debütfilme, wie Lascia perdere, Johnny!, der erste Film von Fabrizio Bentivoglio als Regisseur, einem der vielseitigsten italienischen Schauspieler. Der charmante und witzige Film erzählt, wie ein junger Musiker auf abenteuerliche Weise nach Erfolg sucht. Die Geschichte spielt im armen, aber stolzen italienischen Süden der 1970er Jahre.

Il vento fa il suo giro von Giorgio Diritti, einem Ex-Schüler Ermanno Olmis, gilt als eines der bedeutendsten Debüts der vergangenen Saison. Es geht darin um das Zusammenprallen zwischen einer kleinen Berggemeinde, die in ihren Traditionen eingeschlossen lebt, und dem Protagonisten, der mit seiner Familie aus der Stadt geflüchtet ist und im Dorf Ziegen züchten will. Im Zentrum steht also eine komplexe Beziehung unter Menschen, die der Regisseur mit hoher Sensibilität und vielschichtigen Nuancen erzählt, von der anfänglichen Offenheit, über die Freundschaft und Solidarität, die langsam entstehen, bis zu wachsendem Argwohn und schließlich einer xenophobischen Explosion.

Ein weiterer Debütfilm ist Notturno Bus von Davide Marengo, der einen witzigen und leicht surrealen Thriller inszeniert, der in den nächtlichen Straßen Roms spielt. Ein Busfahrer, der auch im Leben stets die Welt wie aus dem Rückspiegel betrachtet hat, trifft eine verführerische und komplizierte Frau, die ihn zwingen wird, der Realität endlich direkt in die Augen zu schauen.

Schließlich haben wir mit Valzer von Salvatore Maira einen auch formal bestechenden Film, der auf originelle Weise zwei ganz unterschiedliche Parallelgeschichten erzählt, die in einem Luxushotel spielen. Vergangenheit und Gegenwart verflechten sich miteinander in einer einzigen Einstellung ohne Schnitte.

Von den sozialen Konflikten unserer Zeit bis zu der Inszenierung von alltäglichen ebenso wie ungewöhnlichen Geschichten, steht im Zentrum der besten italienischen Filme die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die sieben Filme, die im Rahmen von „Cinema Italia“ zu sehen sind, ungeachtet ihrer unterschiedlichen Themen und Ausdrucksmittel, bestätigen die aktuelle Vitalität des nationalen Kinos, das sich von den lauten und konventionellen Hollywood-Standardmustern definitiv unterscheiden will. Sicher, wie der gesamte europäische Film erlebt auch der italienische Film eine schwierige Phase zwischen Schatten und Licht, aber ihm gelingt es, Augenblicke von Nachdenklichkeit und Unterhaltung zu bieten. Das ist auf jeden Fall ein positives Signal für all diejenigen, die das Kino lieben.  

Piero Spila